Zwischen Bugs and Bytes

January 30, 2018 Julia

ZEISS Hackathon

"VISIONary ideas wanted" beim ZEISS Hackathon in München und Bangalore

Olcay sitzt in sich zusammen gesunken vor seinem Rechner und sinnt nach. Er konzentriert sich als wäre er ein Schachspieler vor dem entscheidenden Zug: „Man müsste doch einfach…“, denkt er laut und macht sich ein paar Notizen auf einem Blatt Papier, die auf den ersten Blick wie die Kritzeleien eines Kindes wirken. Probleme sind da, um gelöst zu werden – so denken und fühlen Programmierer wie der 32-jährige Olcay. Es ist ihre DNA, knifflige Aufgabenstellungen aufzudröseln und am Ende mit ihrer Lösung das Leben ein bisschen einfacher zu machen.

Auch Florian, 17 Jahre alt, sitzt vor einem Laptop. Nach vorne gebeugt und mit zusammengekniffenen Augen versucht der Zehntklässler, die Zeilen im Programmierfenster zu lesen. Er kommt nur langsam voran auf seiner geöffneten Seite. Sein Problem: Er hat auf beiden Augen nur 20 Prozent Sehvermögen. Diese Behinderung bremst den jungen Gymnasiasten oft aus. Wenn er in der Schule programmiert, braucht er länger als die Klassenkameraden, auch wenn er gar nicht weniger verstanden hat als sie.

Über 60 Menschen sind am 20. und 21. Januar wie Olcay zum ZEISS VISIONary Hackathon nach München gekommen. Auf der Veranstaltung arbeiten Programmierer und Designer aus aller Welt an Lösungen für ein besseres Sehen. Es geht um Visionen und Erfindergeist. Zeitgleich tüfteln 130 Hacker in Bangalore, Indien, mit der gleichen Aufgabenstellung vor ihren Rechnern. Olcay und Florian haben sich heute erst kennengelernt. Sie wissen nicht viel übereinander. Aber Olcays Arbeit kann Florians’ Weiterkommen im Leben verbessern. Sie haben ein gemeinsames Ziel: Chancen kreieren.

Olcay und Florian beim ZEISS Hackathon

 

Problemlöser braucht das Land

Olcay, der Problemlöser, programmiert auf dem Hackathon in der Sprache C#. Der Frankfurter startet die Entwicklungsumgebung Visual Studio. Damit legt er die Basis für alles. Florian, der Gymnasiast mit Sehbehinderung, wird später einen entscheidenden Vorteil haben: Immer der Code, an dem er gerade arbeitet, wird per „adaptivem Zoom“ automatisch größer angezeigt als die anderen, so dass Florian ihn erkennen kann.

Und Olcay, er arbeitet im Team mit seinem 30-jährigen Kollegen Thomas, hat sich noch andere Verbesserungen ausgedacht: Eine Computerstimme soll nun auf Wunsch die Befehle vorlesen, die man gerade eingegeben hat. Ein Sound, der klingt wie die Pausenglocke in der Schule, soll Florian anzeigen, wo im Quellcode er gerade ist. Wenn ein sehbehinderter Programmierer am unteren oder oberen Ende vom Quellcode angekommen ist, blinkt ein Licht auf dem Bildschirm, so der Plan. Hat er etwas vergessen, etwa eine Klammer im Code, zeigt das ebenfalls ein stroboskopartiges Blinken am unteren Bildschirmrand in einem für Schlechtsehende besser erkennbaren Format an. Der Grund: Leute mit Sehbehinderung können einzelne Satzzeichen schlechter lesen. Und mit verschiedenen Shortcuts, also schnellen Tastenkombinationen, soll man von Funktion zu Funktion springen können. Was für einen Rollstuhlfahrer die Rampe ist, über die er in ein Gebäude hinein fährt, sind für einen Sehbehinderten diese neu programmierten Tools.

Aber bis es die gibt, braucht es eine Nachtschicht. Olcay, der im Hauptberuf die Digitalisierung in einem Technologiekonzern vorantreibt, baut seine Codes am Abend. Er schreibt Funktion für Funktion: das intelligente Erkennen von Textbausteinen im Code, um die Navigation zu vereinfachen und die Transformation der aktuellen Zeile, um das adaptive Zoomen zu ermöglichen.

Er schaut in Dokumentationen im Internet nach, kombiniert dieses, fügt jenes ein. So geht Programmieren auf höchstem Level. Es geht sehr oft um den richtigen Geistesblitz zwischen Bugs und Bytes. Vergisst man einen Punkt oder ein Komma, kann der ganze Code nicht ausgeführt werden.

Kreatives Chaos auf dem Hackathon in München

 

Hackathons sind digitale Marathons

Hackathons gibt es inzwischen auf der ganzen Welt. Die Idee ist immer gleich: IT-Spezialisten aller Couleur kommen zusammen, arbeiten an konkreten Herausforderungen. Am Ende geht es wie beim Dauerlauf darum, sich zu messen. Wer hat letztlich die besten Codes gebaut? Wer das Thema verfehlt? Bei manchen Hackathons winken hohe Sach- und Geldpreise. Aber eigentlich geht es den Hackern mehr um den „Fame“ – um den Ruhm, dieses oder jenes Problem gelöst zu haben. Olcayhat bereits über 20 Hackathons gewonnen.

Der Ehrgeiz bei den Hackern ist immens. Bei den Digital Innovation Partners in München wird getippt, gepostet und mit Befehlen gerungen. Viele der Programmierer wollen etwas für Florian „bauen“, der ihnen zur Begrüßung schon vorgestellt worden ist. Sie wollen einen Code schreiben, der sein Leben konkret bereichert. So wie es auch Olcay im Sinn hat.

Hackathon im ZEISS Büro in Bangalore

 

Wer hat Angst vor digital?

ZEISS hat ein großes Interesse daran, das Thema Digitalisierung voran zu bringen. Die Hacker können in ihre Software auch Hardware-Produkte des Unternehmens einbeziehen. Zum Beispiel werden ihnen das augenärztliche Modul iProfiler plus vorgestellt und die Virtual Reality Brille VR ONE Plus. Einen besonderen Reiz übt der Prototyp einer Datenbrille aus, die die Hacker vorab testen dürfen. Sie wird demnächst auf den Markt kommen.

Als es Nacht wird, mehren sich die gähnenden Münder, die Augenlider werden schwer. Aber es gibt viel Kaffee und Energydrinks, Olcay trinkt sieben davon in dieser Nacht. Niemand geht ins Bett. Die Probleme halten wach, alles soll perfekt werden. Viele Hacker schlafen sogar im Gebäude, um keine langen Wege zu haben.

„Wir wollen Innovationen pushen und schauen, was mit unseren Produkten möglich ist. Der frische Wind, der bei diesem Event durch unser Haus weht, tut uns gut“, sagt Matthias Gohl, Leiter der Digital Innovation Partners bei ZEISS. Er verantwortet im Konzern das Thema Digitalisierung und arbeitet mit seinen 50 Leuten daran, dass jeder versteht: Sie muss nicht als Bedrohung, sondern als Chance begriffen werden. „Programmierer sind da fast immer einen Schritt voraus“, fügt Kollege „Cosmo“ an, der als Senior Product Engineer stetigen Kontakt mit vielen Hackern hält.

Das Gewinner Team

 

Der Stolz von Düsentrieb

Am Sonntagmorgen sieht man Augenringe und Wuschelhaar beim Hackathon. Manche haben gar nicht geschlafen, bei Olcay hat es für drei Stunden gereicht. Außer den kurzen Essenspausen wurde ohnehin nicht gerastet und geruht.

Dann sind die 24 Stunden vorbei und die elf angetretenen Teams dürfen ihre Arbeit vorstellen. Olcay und Thomas sind mit ihrem „Code Radar“ bei der Vorstellung der Ergebnisse als erste dran. In sicherem Englisch trägt Olcay vor, was er da programmiert hat. Mit dem Stolz eines Daniel Düsentriebs beschreibt er die Vorzüge seiner Codes. Später wird Microsoft, das wie auch Infineon Partner beim ZEISS Hackathon ist, Interesse an Olcays Arbeit bekunden.

Nach Olcay stellen die Anderen in je drei Minuten ihre Ideen vor, etwa einen Oberflächenscanner für kleinste Strukturen, eine Geldautomaten-App für Blinde und einen Staubsauger, der selbst erkennt, wo der Dreck in der Wohnung ist. In den Gesichtern der Teilnehmer, jedem einzelnen, sieht man einen Satz: Ich-will-hier-gewinnen. Es ist die Anwendung „readdit“ für die Datenbrille von ZEISS, die am Ende den ersten Platz belegt und dem User hilft wie ein digitaler Blindenstock.

Das ZEISS Team unterstütze die jungen Talente

 

Es wird auch über Jobs gesprochen. Manche der Hackathon-Teilnehmer fragen die ZEISS Mitarbeiter nach Möglichkeiten im Unternehmen. Der Konzern hat sich auferlegt, auf solche Signale zu warten. „Wir belästigen niemanden. Die Leute kommen von selbst, wenn sie interessiert sind“, sagt Matthias Gohl. Am Ende müssen Hacker wie Olcay selbst entscheiden, wo sie die Zukunft weiterdenken wollen.

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